Kampfsport, Knutschen und zarte Miezen: Eine Nacht in Cardiff

Man kennt das ja. Man ist auf Tour. Man ist in Wales. Man will in Cardiff feiern gehen … Plötzlich hat der Busfahrer die Schulter gebrochen und der Tour-Manager gerät in eine Schlägerei mit Taxifahrern. Aber fangen wir vorne an. Cardiff war ein Stop im Rahmen der UK-Tour im Februar 2014. Zebrahead war als Vorband von den Co-Headlinern Reel big Fish und Less than Jake am Start. Die Show sollte am Samstag in der “Great Hall” der Universität von Cardiff steigen. Die walisischen Wörter sehen übrigens aus, als hätte es beim Glücksrad Silbengulasch gegeben.

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Ich kaufe alle Vokale dieser Welt und möchte lösen. Da wir einen Tag vorher ankamen, stand uns der Abend zur freien Verfügung. Das bedeutet: Alle machen Party! Auch unser Busfahrer. Vorher wurde schon gemunkelt, dass es in Cardiff auch an einem handelsüblichen Dienstag heftig werden könnte … Mal sehen, was ein Freitag zu bieten hat. Kaum im Epi-Zentrum der walisischen Hauptstadt angekommen, machten Daniel und ich die ersten Frauenbekanntschaften. Vom Alkohol getrieben sprach ich vor einem Club zwei zarte Damen an. Der deutsche Akzent bahnte sich blitzschnell seinen Weg durch die Gehörgänge ins Gehirn, um im Paarungszentrum der beiden Schönheiten den Fortpflanzungstrieb auszulösen. Denn eine der Damen forderte ihre Freundin auf: “You should kiss him”. Da wir uns immerhin schon 4 Minuten kannten, hielt ich den Vorschlag auf jeden Fall für angebracht.

Die unübliche Unmenge Shots später, sind wir in den nächsten Laden weitergezogen. Hier kam unser Busfahrer dann zu der Erkenntnis, dass eine walisische Tanzfläche härter ist, als eine deutsche Schulter. Am nächsten Tag sollte den Schmerzen dann Gewissheit folgen. Diagnose: Schulterbruch. Nach dieser Aktion hielt ich es für vernünftig, ihn zum Bus zurück zu bringen. So, jetzt versuch mal als betrunkener Deutscher mit einem verwundeten, betrunkenen Deutschen im Arm ein Taxi in Cardiff zu bekommen. Ist ungefähr so einfach wie Geld zählen mit Boxhandschuhen. Einer wollte dann doch unsere Kohle. Allerdings wusste dieser unheimlich aussehende Zeitgenosse nicht wo die Uni ist. Der Typ wirkte so seriös, wie ´ne Briefkastenfirma auf den Cayman-Inseln. Ich habe ihm dann erklärt, dass da die Tour-Busse parken, dass da eine Show ist, dass das Ding “Great Hall“ heißt, dass es die verdammte Uni ist! Als Taxifahrer in Cardiff sollte man sich wenigstens in Cardiff auskennen. Wäre ja nicht zu viel verlangt. Ein nicht bekannter Zielort hält einen walisischen Taxifahrer nicht davon ab, mal so ohne Weiteres den Anker zu ziehen. Und ab ging die wilde Fahrt! Sämtliche Kommunikationsversuche waren jetzt sinnlos. Völlig unbeeindruckt von meinen Schweißausbrüchen, vollführte der Taxifahrer radikale Richtungsänderungen wie ein flüchtender Feldhase auf Koks. Während unser Busfahrer auf dem Rücksitz vor sich hin oxidierte, konstruierte ich vor meinem alkoholisierten Auge einen möglichen Ausgang dieser Geschichte. Das hier ist eine Art “Verstehen Sie Spaß?” und gleich schält sich die walisische Version von Frank Elstner aus dem Kofferraum. Frpw Elspqr oder so. Doch bevor ich diesen Gedanken zu Ende spinnen konnte, nahm ich vom Beifahrersitz aus eine mir bekannte Form wahr – unser Tourbus! In mir stieg eine unausgeglichene Mischung aus Hoffnung und Euphorie auf! “Steuermann, diese Richtung”, wollte ich rufen. Brachte aber nur ein Gemisch aus Buchstabensuppe und Silbengulasch über die Lippen. Also perfektes Walisisch. Am Bus angekommen öffnete ich die Tür, schnappte mir unseren Busfahrer und zahlte das Taxi. Mit einem Alkohol-Level jenseits von Wladiwostok gar nicht mal so einfach. Ich gab dem Taxifahrer ein von mir festgelegtes Cardiff-Trinkgeld in drei Währungen: Nichts. Nada. Niente. Mit mürrischem Blick schien der Taxifahrer mich zu verfluchen und heizte davon. Trinkgeld war ja schon immer von der Zufriedenheit des Kunden abhängig. Ist hier scheinbar nicht angekommen. Nachdem unser Fahrer sich in seine Koje verkrochen hatte, wartete ich draußen auf den Rest unserer 11-köpfigen Reisetruppe.

Stramme Nacht, dachte ich … Und dann tanzten die Jungs an. Blutige Lippen inklusive. Owen und Marc haben sich ihre Münder von faustschwingenden Taxifahrern signieren lassen. Kann das noch Zufall sein? Auch diese Taxifahrer – wenn das alles denn überhaupt Taxifahrer waren – kannten den Weg nicht und brachten die Jungs erst einmal ins Nirgendwo. Owen versuchte dem Fahrer klar zu machen, dass er sie bitte dahin bringen soll, wo sie auch hinwollten. Natürlich gegen Bezahlung. Auch wenn es ein Umweg wird. Aber ein waschechter Taxifahrer aus Cardiff kann einer solch einfachen Problemlösung nicht so ohne weiteres zustimmen. Er dachte wohl, dass sie ihn bescheißen wollten und funkte sich Verstärkung herbei. Owen hat dann geistesgegenwärtig die Registrierungsnummer des Fahrers fotografiert und den Zündschlüssel abgezogen, um eine Verschleppung ins walisische Hinterland zu verhindern. Das war dann wohl der Moment, in dem die Fäuste ins Spiel kamen. Selbst ohne Geleitschutz haben sie es dann noch zum Bus geschafft. Owen und Marc mussten dann anschließend zur Polizei und eine Aussage über die Ereignisse des Abends machen. Diese Geschichte kastriert meine Nacht natürlich zur veganen Kaffeefahrt auf der Donau. Während in den Tour-Bussen von Less Than Jake und Reel Big Fish schon früh die Lichter ausgingen, hielten wir unsere Lebern noch ein wenig bei Laune. Ben kommentierte sämtliche Geschehnisse des Abends mit einem trockenen “It´s always us.“

Was geht sonst so ab? Cardiff sollte man sich auf jeden Fall reinziehen! Die walisischen Menschen – wie alle Briten, die ich kennen lernen durfte – sind superfreundlich und sehr hilfsbereit. Mal abgesehen von den erwähnten Taxifahrern. Wir hatten an dem Tag leider nicht viel Zeit für Sightseeing, aber das Cardiff Castle haben wir uns reingezogen. Ziemlich imposant, wenn man mitten im Stadtzentrum an einer riesigen Schlossmauer vorbei laufen kann.

Titelbild-Credits: Owen Hardman (http://www.apathyonline.co.uk/)

Nächstes Mal bei snuckout: Finde ich meine Hose wieder? Hat meine Leber morgen frei? Und was riecht hier eigentlich so komisch?

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